Sie traf in einem Sekundenbruchteil eine Entscheidung, die von dem tiefen, emotionalen Band zwischen den Arbeitern in Aue getragen war. Sie würde dem formellen Fehler trotzen. Die Wichtigkeit der Eisenbahn war, dass sie lieferte, egal was.

Sie flüsterte Karl zu: „Trotz ungültiger Papiere gilt die Priorität 1. Fahr ihn auf ein Nebengleis, gleich hier bei Zeche 20.“

Sie sah, wie Karl zögerte, dann nickte er, sein Gesicht eine Mischung aus Resignation und Vertrauen. Das Zischen der Bremsen wich dem stoßweisen Dröhnen der Maschine. Der schwarze Waggon rollte polternd auf den Gleisen.

Isabell stand allein im Lärm des Güterbahnhofs. Ihre Hände waren kalt, aber ihr Herz schlug heiß. Sie hatte gerade ein Rätsel im Schatten der Staatsgewalt gelöst, indem sie das unausgesprochene Gesetz der Arbeiter befolgte: Die Bahn muss rollen, damit die Arbeit unter Tage weitergeht.

Sie wusste nicht, was in dem Waggon war, aber sie wusste, dass das Gefühl der Verpflichtung für die Stadt und ihre Kumpel stärker war als jede Angst vor dem Staat. Das war das Leben in Aue 1980: Ein emotionaler Drahtseilakt zwischen den tonnenschweren Güterzügen, dem gefährlichen Bergbau und dem eisernen Willen, einfach nur seine Pflicht zu tun.

Das Gefühl der Erleichterung währte nur kurz. Isabell ließ ihren Posten am Güterbahnhof im Stich – ein Vergehen, das in der DDR Konsequenzen hatte – und folgte dem dröhnenden Geräusch von Karls Dampflok auf das weitläufige, eingezäunte Gelände der Wismut.

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